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Wie bringe ich Patient:innen dazu, ihre therapeutischen Hausaufgaben zu machen?

Charlotte Schütz

Charlotte Schütz

17.6.2022
, Update vom
19.7.2022

In diesem Beitrag werden der Nutzen von therapeutischen Hausaufgaben in der Verhaltenstherapie erläutert und Gründe betrachtet, warum die Umsetzung dennoch häufig schwerfällt. Darauf aufbauend werden Möglichkeiten dargestellt, welche Aspekte aus therapeutischer Sicht die Durchführung und den Nutzen von Hausaufgaben in der Verhaltenstherapie verbessern können.

Lesedauer: ca.

3

Minuten

Warum sind therapeutische Hausaufgaben in der Verhaltenstherapie sinnvoll?

Therapeutische Hausaufgaben werden in der Verhaltenstherapie als Aktivitäten bezeichnet, die Patient:innen zwischen den Therapiesitzungen durchführen. Sie werden gemeinsam von Patient:in und Therapeut:in ausgewählt, von Patient:innen eigenständig durchgeführt und anschließend gemeinsam nachbesprochen und gegebenenfalls angepasst. Hausaufgaben können so die Erreichung der Therapieziele unterstützen. 

Um ungünstigen Assoziationen zu Schulerfahrungen vorzubeugen, wird unter Therapeut:innen diskutiert, den Begriff “Hausaufgaben” im Patient:innenkontakt zu vermeiden und alternative Begriffe wie “therapeutische Übungsaufgaben” zu verwenden. 

Hausaufgaben sollten schon früh im Therapieprozess genutzt werden, um Therapiefortschritte und Verhaltensänderungen aus dem Therapieraum heraus systematisch in den Lebensalltag der Patient:innen zu transferieren. So können Therapieerfolge langfristig implementiert und gesichert werden. Zudem tragen Hausaufgaben zur Intensivierung und Vertiefung der Therapie bei: Patient:innen können sich anhand von Selbstbeobachtungen über problematische Kognitionen und Verhaltensweisen bewusst werden. Darüber hinaus können sie lernen, die in der Therapie erarbeiteten hilfreichen Gedanken und funktionalen Verhaltensweisen in ihrer gewohnten Umgebung anzuwenden und praktisch umzusetzen. Durch Wiederholungen verfestigen und stabilisieren sich neue Verhaltens-, Denk- und Beziehungsmuster. Die im Alltag gemachten Erfahrungen können wiederum in den Therapieprozess aufgenommen werden und zur weiteren Therapieplanung beitragen. Die Übungs- bzw. Hausaufgaben gewinnen im fortschreitenden Therapieverlauf an Bedeutung, Patient:innen sollten Übungen zunehmend eigenständig in ihrem Alltag umsetzen und Erfolge auf andere Situationen und Lebensbereiche übertragen. So tragen Patient:innen aktiv zur Therapiegestaltung bei und erlangen eine wachsende Kontrolle über den Therapieprozess. 

Die Anwendung von Hausaufgaben basiert auf dem Ansatz des Selbstmanagements der Patient:innen, wodurch sie einen wesentlichen Teil der Verantwortung des Therapiegeschehens übernehmen. Dies kann die Therapiemotivation fördern und das Selbstwirksamkeitserleben der Patient:innen stärken.

Wissenschaftliche Untersuchungen konnten zeigen, dass Therapien mit Hausaufgaben im Vergleich zu Therapien ohne Hausaufgaben erfolgreicher waren. Demnach können Hausaufgaben die Anpassungsfähigkeit und das (Problem-)Bewusstsein der Patient:innen in Alltagssituationen erhöhen, langfristige Nutzen der Therapie sowie das Erfolgs-, Kontroll- und Selbstwirksamkeitserleben der Patient:innen fördern. Zudem können Therapeut:innen besser beurteilen, zu welchem Maß Patient:innen in die Therapie eingebunden sind.  

Welche Gründe sind für das Nicht-Umsetzen von therapeutischen Hausaufgaben bekannt?

In Umfragen zeigte sich, dass Hausaufgaben häufig gar nicht, unvollständig oder verändert umgesetzt werden. Therapeut:innen berichteten in 74% der Fälle hausaufgabenbezogene Probleme, beispielsweise bei der Aufgabenstellung oder Umsetzung. Dies zeigt, dass häufig nicht das ganze Potenzial der Verhaltenstherapie genutzt werden kann. Um den Patient:innen dies zuteil werden zu lassen, ist es zunächst wichtig zu verstehen, wodurch die Probleme genau entstehen. 

Hinsichtlich der Aufgabenstellung zeigten sich in einer Untersuchungen von Helbig und Fehm (2004) bei einem Großteil der Patient:innen Zweifel, nicht über die nötigen Fähigkeiten zur Bewältigung zu verfügen, einige zeigten sich besorgt über die Schwierigkeiten der Aufgaben. Ein kleiner Teil der Patient:innen zeigte sich unzufrieden über das Ausmaß der Aufgabe oder war nicht bereit, diese umzusetzen. Mit Blick auf die konkrete Umsetzung zeigte sich, dass nur 38% der Hausaufgaben vollständig umgesetzt wurden. Als Gründe für das Nicht-Umsetzen wurden ein zu hohes Schwierigkeitslevel, keine Gelegenheit zur Umsetzung, Angst oder Vermeidung der Aufgabe oder eine generelle Ablehnung der Durchführung angegeben. Weitere Untersuchungen konnten zeigen, dass Patient:innen die klinische Relevanz von Hausaufgaben häufig nicht bewusst ist.

Wie erhöhe ich die Wahrscheinlichkeit, dass meine Patient:innen ihre therapeutischen Hausaufgaben umzusetzen?

Ausgehend von den beschriebenen Schwierigkeiten konnten Ansätze zur erfolgreicheren Umsetzung von Hausaufgaben entwickelt werden, welche Therapeut:innen bei der Planung und Vergabe beachten sollten. 

Beck et al. (1979) haben hierzu vier grundlegende Vorgehensweisen beschrieben: Die Hausaufgaben sollten eindeutig und spezifisch beschrieben werden, die Aufgabenstellung sollte für Patient:innen nachvollziehbar im Rahmen der Therapieziele sein, die Reaktion der Patient:innen sollte berücksichtigt werden, um möglichen Schwierigkeiten vorzubeugen und bei der Nachbesprechung der Hausaufgaben sollte der Fortschritt der Patient:innen zusammengefasst werden. 

Für die konkrete Umsetzung der Planung und Vorbereitung von Hausaufgaben bedeutet dies, dass Therapeut:innen und Patient:innen die Aufgaben gemeinsam festlegen sollten. Dabei ist darauf zu achten, dass beide Seiten das gleiche Verständnis von Nutzen und Umsetzung der Hausaufgabe haben. Die Aufgabe sollte dabei stets zu den individuellen Therapiezielen passen, eindeutig und spezifisch gestellt sein. Hierbei ist es ratsam, Patient:innen eine schriftliche Anleitung der Aufgabe mitzugeben sowie eine konkrete Situation, den Zeitpunkt, -raum und Ort festzulegen. Auch Überlegungen, wie Patient:innen an die Hausaufgaben erinnert werden können, sind häufig nützlich und erhöhen die Umsetzungswahrscheinlichkeit. Antizipieren Therapeut:innen Hürden, die aus Patient:innensicht entstehen können (wie beispielsweise “Wenn ich mich in angstbesetzte Situationen begebe, wird sich meine Angst verschlimmern”), können sie diese in der Vorbereitung berücksichtigen und ihnen entgegenwirken. Therapeut:innen sollten ihren Patient:innen zudem vermitteln, dass weniger die Erreichung eines Ziels, sondern vielmehr der Prozess und die Bemühungen bedeutsam sind. Daneben ist es Aufgabe der Therapeut:innen, sicherzustellen, dass Patient:innen über die entsprechenden Ressourcen und Fähigkeiten zur Bewältigung der Aufgaben verfügen und zum kulturellen Hintergrund der Patient:innen passen. Der Schwierigkeitsgrad sollte individuell angepasst werden, damit weder eine Unter- noch Überforderung eintritt. Über den Therapieverlauf hinweg sollte das Schwierigkeitslevel der Aufgaben nach und nach zunehmen. 

Ebenso wie die Vorbereitung der Hausaufgaben sollte auch die Nachbereitung einen entsprechenden Raum in der Therapiesitzung einnehmen. Da von den Patient:innen ein zeitlicher Aufwand zur Durchführung der Hausaufgaben gefordert wird, ist es wichtig, dass sich auch Therapeut:innen Zeit für die Auseinandersetzung nehmen und die Anstrengungen würdigen. Andernfalls können Patient:innen die Motivation für zukünftige Hausaufgaben verlieren. Zudem können hier mögliche Schwierigkeiten identifiziert und Aufgaben gegebenenfalls optimiert und angepasst werden. Unabhängig vom Ergebnis der Hausaufgabe ist es wichtig, Patient:innen reflektieren zu lassen, was sie im Zusammenhang mit der Aufgabe gelernt haben. Auch sollten Patient:innen für ihre Bemühungen positiv bestärkt und zu weiteren Übungen motiviert werden. 

Welchen Beitrag kann elona therapy bei der Hausaufgabenumsetzung leisten?

elona therapy unterstützt als digitale Gesundheitsanwendung die ambulante Psychotherapie bei Depressionen und Angststörungen, indem sie die Übertragung der Therapieinhalte in den Alltag der Patient:innen fördert. Das bedeutet, Therapeut:innen können ihren Patient:innen zur Vergabe von Hausaufgaben passende Übungen aus über 400 multimedial aufbereiteten manual- und leitlinienbasierte Inhalten freischalten. Patient:innen erhalten so zu den Sitzungsthemen und Therapiezielen passende Übungen mit schriftlicher Anleitung. Sie haben diese über ihr Smartphone immer im Alltag griffbereit - genau da, wo sie gebraucht werden. Außerdem kann elona therapy an Aufgaben und Übungen erinnern und somit die Durchführungswahrscheinlichkeit erhöhen. Aufkommende Unklarheiten, Schwierigkeiten oder Erkenntnisse können direkt in der App notiert werden und so in die nächste Therapiesitzung eingebunden werden.

Unser Fazit

Therapeutische Hausaufgaben sind in der Verhaltenstherapie ein wichtiges Instrument, um Therapieinhalte in den Lebensalltag der Patient:innen zu übertragen und Therapieerfolge so langfristig zu festigen. Sie fördern das Selbstmanagement und Selbstwirksamkeitserleben der Patient:innen und ermöglichen ihnen eine aktive Mitgestaltung und Verantwortungsübernahme im Therapiegeschehen. 

Dennoch bestehen unterschiedliche Schwierigkeiten bei der Planung, Vorbereitung und Umsetzung von Hausaufgaben. Häufig hängen diese mit dem Schwierigkeitslevel oder allgemeinen Unklarheiten der Aufgabenstellung zusammen. Um die Wahrscheinlichkeit zur Umsetzung von Hausaufgaben zu erhöhen, sollten Therapeut:innen die Aufgaben individuell an die Patient:innen und ihre Therapieziele anpassen und ihnen den Nutzen nachvollziehbar erläutern. Außerdem sollten Aufgaben spezifisch und eindeutig beschrieben werden, bestenfalls zusätzlich in schriftlicher Form, und die Reaktionen der Patient:innen auf die Aufgabenstellung berücksichtigt und gegebenenfalls aufgegriffen werden. Die Nachbereitung sollte ebenso wie die Vorbereitung einen Raum in der Therapiesitzung erhalten, in der die Umsetzung, Schwierigkeiten und Bedeutsamkeit für den Therapieprozess reflektiert werden. 

elona therapy kann zur Planung und Umsetzung therapeutischer Hausaufgaben einen wichtigen Beitrag leisten, indem Patient:innen über ihr Smartphone jederzeit Zugriff auf die Aufgaben haben.

Dozois, D. J. A. (2010). Understanding and enhancing the effects of homework in cognitive-behavioral therapy. Clinical Psychology: Science and Practice, 17(2), 157–161. https://doi.org/10.1111/j.1468-2850.2010.01205.x

Helbig, S., & Fehm, L. (2004). PROBLEMS WITH HOMEWORK IN CBT: RARE EXCEPTION OR RATHER FREQUENT? Behavioural and Cognitive Psychotherapy, 32(3), 291-301. doi:10.1017/S1352465804001365

Kazantzis, Nikolaos & Whittington, Craig & Dattilio, Frank. (2010). Meta‐Analysis of Homework Effects in Cognitive and Behavioral Therapy: A Replication and Extension. Clinical Psychology: Science and Practice. 17. 144 - 156. 10.1111/j.1468-2850.2010.01204.x. 

Kazantzis N, Brownfield NR, Mosely L, Usatoff AS, Flighty AJ. Homework in Cognitive Behavioral Therapy: A Systematic Review of Adherence Assessment in Anxiety and Depression (2011-2016). Psychiatr Clin North Am. 2017 Dec;40(4):625-639. doi: 10.1016/j.psc.2017.08.001. PMID: 29080590.

Neudeck und Mühling, Therapie Tools – Verhaltenstherapie, Beltz 2020

Autor:in

Charlotte Schütz

Ich bin Psychologin und Psychotherapeutin i. A. in Köln. Mein Psychologiestudium habe ich an der Johannes-Gutenberg Universität Mainz absolviert. Neben meiner psychotherapeutischen Arbeit bin ich bei Elona Health im Bereich Content und Magazin tätig.

Wissenschaftlich fundiert

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Psychologisch-medizinisch überprüft durch:

Dr. Peter Neudeck

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