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Wenn die Weltlage mit im Therapieraum sitzt

Verena Thier

Verena Thier

•
26.10.2026
, Update vom
26.10.2026

„Aber meine Angst ist doch berechtigt.“ Ein Satz, der Therapeut:innen vor eine besondere Herausforderung stellen kann. Kriege sind real, die Klimakrise ist real und gesellschaftliche und politische Entwicklungen können gerade in der aktuellen Zeit ganz konkrete Auswirkungen auf das eigene Leben haben. Was also, wenn Patient:innen angesichts einer unsicheren Welt sehr nachvollziehbar besorgt sind? Ist beispielsweise die Diagnose einer Generalisierten Angststörung und eine entsprechende Behandlung dann dennoch angemessen? Wie können Sorgenketten behandelt werden, wenn das Zu-Ende-denken der Sorgen in einer realen bedrohlichen Situation resultiert?

Lesedauer: ca.

5

Minuten

Wenn der klassische Realitätscheck an seine Grenzen kommt

In der Psychotherapie beschäftigen wir uns häufig mit der Frage, ob Gedanken hilfreich, realistisch oder verzerrt sind. Bei einigen Zukunftsängsten funktioniert diese Logik jedoch nicht immer so eindeutig. Die entscheidende Frage lautet dann weniger:

‍„Ist diese Angst berechtigt?“

‍Sondern vielmehr:

‍„Was macht diese Angst gerade mit meinem Leben?“

Auch eine nachvollziehbare Sorge kann so viel Raum einnehmen, dass sie Handlungsspielräume einschränkt und so noch mehr Leid verursacht als die antizipierte Gefahr. Manche Menschen versuchen über stundenlanges Doomscrolling, wiederholtes Lesen von Nachrichten oder Grübeln über mögliche Zukunftsszenarien eine absolute Gewissheit herzustellen. So kann kurzfristig das Gefühl von Kontrolle zurückerlangt werden, langfristig wird jedoch die Belastung  verstärkt.

Ein therapeutischer Ansatz kann darin bestehen, eine Balance zwischen dem Bedürfnis nach Information und der Gefahr, sich in Sorgen zu verlieren, zu finden. Vorsorge und Kontrollversuche können zu einem gewissen Grad hilfreich sein, darüber hinaus aber lähmen und überfordern.

Nicht jede unangenehme Emotion muss weg

Auch eine weitere wichtige therapeutische Erfahrung ist hier relevant: Nicht jede unangenehme Emotion muss “weggemacht” werden. Traurigkeit angesichts von Krieg, Angst angesichts der Klimakrise oder Wut über gesellschaftliche Entwicklungen sind nicht automatisch Symptome, die reduziert werden müssen. Emotionen können auch Ausdruck dessen sein, was einem Menschen wichtig ist. Die Frage kann deshalb lauten:

Was erzählt mir dieses Gefühl darüber, was mir wichtig ist?

‍Hinter Klimaangst kann beispielsweise ein starker Wert von Verantwortung oder Verbundenheit stehen. Hinter politischer Sorge vielleicht Gerechtigkeit oder Sicherheit. Hinter der Verzweiflung über Kriege Mitgefühl. Damit verändert sich das therapeutische Ziel: weg von „Wie bekomme ich dieses Gefühl weg?“ hin zu „Wie kann ich dieses Gefühl tragen, ohne dass es mein Leben bestimmt?“

Zwischen Einfluss und Ohnmacht unterscheiden

Eine hilfreiche Orientierung kann darin bestehen, gemeinsam drei Bereiche auseinanderzuhalten:

Was kann ich direkt beeinflussen?
Zum Beispiel den eigenen Nachrichtenkonsum, Gespräche, politisches oder gesellschaftliches Engagement, Konsumentscheidungen oder den Umgang mit den eigenen Ressourcen.

Was kann ich indirekt beeinflussen?
Etwa durch gesellschaftliches Engagement, Unterstützung anderer Menschen oder gemeinschaftliches Handeln.

Was kann ich nicht kontrollieren?
Globale Entwicklungen, Entscheidungen anderer Menschen oder die Frage, was in fünf oder zwanzig Jahren passieren wird.

Gerade der letzte Bereich ist häufig der schwierigste. Denn Akzeptanz bedeutet hier nicht Gleichgültigkeit oder Zustimmung. Sie bedeutet anzuerkennen, dass eine vollständige Kontrolle nicht möglich ist. Die Energie kann so wieder dorthin gelenkt werden, wo Handeln möglich ist.

Doomscrolling: Wenn der Wunsch nach Information zur Belastung wird

Auch der Umgang mit Nachrichten kann zum therapeutischen Thema werden. Dabei muss die Lösung nicht zwangsläufig „Digital Detox“ heißen. Hilfreicher kann es sein, gemeinsam die Funktion des Verhaltens zu betrachten:

‍Warum öffne ich gerade zum zehnten Mal die Nachrichten-App?

Möchte ich mich informieren? Suche ich Beruhigung? Versuche ich, nichts zu verpassen? Oder hoffe ich unbewusst darauf, irgendwann genügend Informationen gesammelt zu haben, um mich wieder sicher zu fühlen? Gerade in unsicheren Zeiten kann Information zu einem Versuch werden, Ungewissheit zu kontrollieren. Das Problem: Die nächste Meldung liefert selten die ersehnte endgültige Sicherheit. Ein bewusster Nachrichtenkonsum kann deshalb bedeuten, informiert zu bleiben und gleichzeitig Grenzen zu setzen – beispielsweise durch feste Zeitfenster, ausgewählte Quellen oder nachrichtenfreie Phasen.

Von „Was wird passieren?“ zu „Wie möchte ich damit umgehen?“

Zukunftsängste ziehen unsere Aufmerksamkeit auf Szenarien, die wir häufig nicht vollständig beantworten können:

Was, wenn es schlimmer wird?

Was, wenn ich nicht vorbereitet bin?

Was, wenn sich nichts verändert?

Therapie kann diese Fragen nicht zuverlässig beantworten. Sie kann aber helfen, eine andere Frage zu stellen:

„Unabhängig davon, was passiert: Wie möchte ich heute leben und handeln?“

Damit verschiebt sich der Fokus von einer unkontrollierbaren Zukunft zurück in die Gegenwart. Die Gegenwart ist schließlich der Ort, an dem Menschen tatsächlich leben, fühlen und handeln können. Psychotherapie hat in diesem Thema die Aufgabe, Sorgen ernst zu nehmen, ohne sie automatisch als krankhaft einzuordnen. Gemeinsam mit Patient:innen können so Strategien erarbeitet werden, wie mit belastenden Nachrichten und Ungewissheit umgegangen werden soll, ohne, dass sie den Alltag bestimmen.

Autor:in

Verena Thier

Psychologische Psychotherapeutin

Verenas Mission: Räume zu schaffen, in denen Menschen ihren Bedürfnissen, Wünschen, Ängsten und Glaubenssätzen achtsam begegnen dürfen. Ziele ihrer Arbeit sind: mehr Selbstverständnis zu entwickeln, ein authentisches Leben im Einklang mit sich selbst zu führen und neue Formen von Nähe und Verbindung zu ermöglichen.

Wissenschaftlich fundiert

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Psychologisch-medizinisch überprüft durch:

Verena Thier

Psychologische Psychotherapeutin

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