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Warum gerate ich immer an die Falschen?

Verena Thier

Verena Thier

13.8.2026
, Update vom
13.8.2026

Eigentlich sollte dieses Mal alles anders werden. Ein anderer Mensch, eine neue Beziehung – und trotzdem fühlt sich irgendwann vieles erstaunlich vertraut an. Warum wiederholen sich bestimmte Dynamiken, obwohl wir längst wissen, was wir eigentlich nicht mehr wollen?

Lesedauer: ca.

5

Minuten

Dieses Mal wird alles anders.

Nach einer schwierigen Beziehung wissen viele ziemlich genau, was sie beim nächsten Mal nicht mehr wollen: niemandem hinterherlaufen. Nicht ständig rätseln, woran man ist. Die eigenen Bedürfnisse nicht wieder hinten anstellen. Und ganz bestimmt nicht wieder bei jemandem landen, der emotional kaum erreichbar ist.

Dann kommt tatsächlich jemand Neues. Anderer Mensch, andere Geschichte, anderes Kennenlernen. Trotz aller anfänglicher Euphorie stellt sich irgendwann etwas merkwürdig Vertrautes ein: Man wartet wieder auf eine Nachricht. Führt wieder dieselben Gespräche. Oder merkt, dass man selbst wieder genau die Rolle eingenommen hat, aus der man eigentlich rauswollte.

Wie kann das eigentlich sein?

Die etwas unbequeme Antwort lautet: Vielleicht geraten wir gar nicht einfach immer wieder an die „Falschen“. Denn in jede neue Beziehung nehmen wir etwas aus unseren alten mit: Erwartungen darüber, wie Nähe funktioniert, Erfahrungen damit, was passiert, wenn wir Bedürfnisse zeigen – und Strategien, mit denen wir uns schützen, wenn eine Beziehung unsicher wird.

Haben wir im Dating denn wirklich einen „Typ“?

Zumindest ein bisschen, könnte man sagen.

Forschende verglichen die Persönlichkeit aktueller und ehemaliger Partner:innen derselben Menschen. Das Besondere daran: Nicht die Studienteilnehmenden beschrieben ihre Ex-Partner:innen, sondern die Partner:innen machten selbst Angaben über ihre Persönlichkeit.

Und tatsächlich ähnelten sich ehemalige und neue Partner:innen in ihren Persönlichkeitsprofilen. Die Partner:innenwahl scheint also zumindest teilweise gewisse Konstanten zu haben. [1]

Das heißt aber nicht, dass wir unbewusst immer wieder dieselbe Person daten. Spannender ist eine andere Frage: Was bringen wir selbst von einer Beziehung in die nächste mit?

Unsere Erfahrungen sitzen mit am Tisch

In der Bindungsforschung wird in diesem Zusammenhang unter anderem der Begriff der inneren Arbeitsmodelle verwendet. Gemeint sind Vorstellungen und Erwartungen über Beziehungen, die sich aus früheren Bindungserfahrungen entwickeln und beeinflussen können, wie wir spätere Beziehungssituationen wahrnehmen und interpretieren. [2]

Das klingt zunächst eher abstrakt. Im Alltag kann es sehr konkret aussehen. Sehen wir uns dafür folgendes Szenario in einer Kennenlernphase an: Eine Nachricht bleibt mehrere Stunden unbeantwortet.

Eine Person denkt: Er hat wahrscheinlich gerade viel zu tun.

Eine andere denkt: Irgendetwas stimmt nicht.

Und eine dritte ist sich nach kurzer Zeit ziemlich sicher: Ich bin ihr offensichtlich nicht wichtig genug. 

Dasselbe Ereignis, drei völlig unterschiedliche Geschichten dazu. Der Unterschied: Unsere inneren Arbeitsmodelle beeinflussen, wie wir Situationen interpretieren. 

Collins und Feeney zeigten das in zwei Studien mit Paaren ziemlich eindrücklich: Menschen mit unsichereren Bindungsmustern bewerteten die Unterstützung ihrer Partner:innen negativer – teilweise selbst dann, wenn unabhängige Beobachter:innen das Verhalten ähnlich unterstützend einschätzten. Besonders deutlich wurden solche Unterschiede bei mehrdeutigen Situationen. [2]

Auch Campbell et al. stellten heraus, dass Bindungsangst damit zusammenhing, wie Konflikte und Unterstützung innerhalb romantischer Beziehungen wahrgenommen wurden. [3]

Wir reagieren also nicht ausschließlich auf das, was unser Gegenüber tut. Wir reagieren auch auf das, was dieses Verhalten für uns bedeutet.

Wenn aus Erwartungen Beziehungsmuster werden

Das erklärt auch, warum der Satz „Ich suche mir immer die Falschen aus“ manchmal am eigentlichen Punkt vorbeigeht.

Oft wiederholt sich nämlich nicht nur die Wahl eines bestimmten Gegenübers, sondern es wiederholt sich eine ganze Dynamik.

Zum Beispiel:

Eine Person hat große Angst davor, verlassen zu werden. Sie bemerkt kleine Veränderungen beim Gegenüber sehr schnell und sucht dann verstärkt nach Nähe und Rückversicherung. Die andere Person erlebt diese Reaktion als Druck und zieht sich zurück. Dieser Rückzug verstärkt wiederum die ursprüngliche Unsicherheit.

Am Ende steht das Gefühl: Ich wusste es. Sobald ich jemanden wirklich brauche, geht die Person auf Abstand.

Die Erwartung hat sich scheinbar bestätigt. Solche Dynamiken werden in der Bindungsforschung unter anderem als Zusammenspiel von Bindungsangst beziehungsweise Bindungsvermeidung und sogenannten Hyperaktivierungs- oder Deaktivierungsstrategien beschrieben. Menschen unterscheiden sich darin, wie stark sie bei wahrgenommener Bedrohung Nähe suchen oder Bindungsbedürfnisse eher herunterregulieren und Distanz herstellen. [4]

Deshalb lohnt sich manchmal eine andere Frage als: Warum suche ich mir immer solche Menschen aus?

Nämlich: Was passiert mit mir, sobald ich jemanden wirklich mag?

Werde ich vorsichtiger? Angepasster? Kontrollierender? Suche ich mehr Bestätigung? Ziehe ich mich zurück? Sage ich, was ich brauche – oder hoffe ich darauf, dass die andere Person es von selbst merkt?

In vielen alltäglichen Beziehungskonflikten lohnt sich außerdem die Frage: Was passiert eigentlich zwischen uns – und welchen Teil davon kenne ich schon?

Das Muster wechselt sogar den Raum

Beziehungsmuster machen auch vor der therapeutischen Beziehung nicht Halt. Bei 60% der Teilnehmenden einer Studie fanden sich ähnliche Beziehungsmuster, wie sie aus der Beziehung zu Eltern oder romantischen Partner:innen bekannt sind, auch in der therapeutischen Beziehung. [5]

Konkrete Beispiele können sein: Eine Person, die große Ängste erlebt, anderen zur Last zu fallen, entschuldigt sich womöglich auch in der Therapie dafür, „schon wieder dasselbe Thema“ mitgebracht zu haben. Jemand, der Ablehnung erwartet, bemerkt vielleicht besonders genau, wenn die Therapeutin auf die Uhr schaut. Und jemand, der gelernt hat, eigene Bedürfnisse zurückzustellen, sagt auf die Frage nach den eigenen Therapiezielen: „Was würden Sie denn empfehlen?“

Plötzlich wird also ein Muster, über das man sonst nur spricht, live beobachtbar. Genau hier liegt die Stärke der Psychotherapie: In der therapeutischen Arbeitsbeziehung können Muster nicht nur erkannt und beobachtbar gemacht werden, sondern es wird eine neue, korrigierende Beziehungserfahrung gemacht. 

Das Gute: Wir sind unserem Muster nicht ausgeliefert

Wer in Beziehungen immer wieder ähnliche Erfahrungen macht, könnte schnell zu dem Schluss kommen: Dann bin ich eben so. Genau das greift aber zu kurz. Beziehungsmuster entstehen durch Erfahrungen – und können sich durch neue Erfahrungen auch verändern.

Das zeigt auch eine Längsschnittstudie, die Menschen von der Jugend bis ins Erwachsenenalter begleitete. Neben frühen Erfahrungen in der Familie hing auch die Qualität späterer Partnerschaften mit der Bindungssicherheit zusammen: Mehr Wärme und weniger Feindseligkeit in einer romantischen Beziehung sagten zwei Jahre später eine höhere Bindungssicherheit voraus. [6]

Das ist ein wichtiger Gedanke: Wir nehmen unsere bisherigen Beziehungserfahrungen zwar mit, aber wir sind ihnen nicht ausgeliefert. Eine Beziehung, in der Bedürfnisse ausgesprochen werden dürfen, Konflikte nicht gleich Trennung bedeuten und Nähe verlässlich bleibt, kann nach und nach Erwartungen verändern, die lange selbstverständlich erschienen.

Ein erste Schritt zu Veränderung ist dabei oft erstaunlich unspektakulär: das eigene Muster überhaupt zu bemerken. Vielleicht fällt einer Person auf, dass sie immer dann besonders viel Nähe sucht, wenn das Gegenüber sich zurückzieht. Oder einer anderen, dass sie eigene Bedürfnisse lieber herunterschluckt, um nicht „zu viel“ zu sein. Oder dass ausgerechnet verlässliche Nähe irgendwann ein Gefühl von Enge auslöst.

Mit diesen Überlegungen und Erkenntnissen verändert sich auch die Ausgangsfrage dieses Artikels. Aus „Warum gerate ich immer an die Falschen?“ wird:

„Was passiert eigentlich mit mir in Beziehungen – und was davon möchte ich beim nächsten Mal anders machen?“

Denn nicht jedes vertraute Gefühl ist ein Zeichen dafür, dass eine Beziehung richtig ist. Manchmal ist es einfach nur das: vertraut.

In der Auseinandersetzung mit eigenen Beziehungsmustern liegt also eine große Chance: Was wir als Muster erkennen, können wir bewusst in Frage stellen. Wir müssen nicht alles automatisch wiederholen, sondern können bewusster und mit einem offeneren Blick in neue Beziehungen gehen. 

[1] Park, Y. & MacDonald, G. (2019). Consistency between individuals' past and current romantic partners' own reports of their personalities. Proceedings of the National Academy of Sciences, 116(26), 12793–12797. https://doi.org/10.1073/pnas.1902937116

[2] Collins, N. L. & Feeney, B. C. (2004). Working models of attachment shape perceptions of social support: Evidence from experimental and observational studies. Journal of Personality and Social Psychology, 87(3), 363–383. https://doi.org/10.1037/0022-3514.87.3.363

[3] Campbell, L., Simpson, J. A., Boldry, J. & Kashy, D. A. (2005). Perceptions of conflict and support in romantic relationships: The role of attachment anxiety. Journal of Personality and Social Psychology, 88(3), 510–531. https://doi.org/10.1037/0022-3514.88.3.510

[4] Mikulincer, M. & Shaver, P. R. (2003). The attachment behavioral system in adulthood: Activation, psychodynamics, and interpersonal processes. Advances in Experimental Social Psychology, 35, 53–152. https://doi.org/10.1016/S0065-2601(03)01002-5

[5] Beretta, V., Despland, J.-N., Drapeau, M., Michel, L., Kramer, U., Stigler, M. & de Roten, Y. (2007). Are relationship patterns with significant others reenacted with the therapist? A study of early transference reactions. The Journal of Nervous and Mental Disease, 195(5), 443–450. https://doi.org/10.1097/01.nmd.0000253766.35132.30

[6] Dinero, R. E., Conger, R. D., Shaver, P. R., Widaman, K. F. & Larsen-Rife, D. (2008). Influence of family of origin and adult romantic partners on romantic attachment security. Journal of Family Psychology, 22(4), 622–632. https://doi.org/10.1037/a0012506

Autor:in

Verena Thier

Psychologische Psychotherapeutin

Verenas Mission: Räume zu schaffen, in denen Menschen ihren Bedürfnissen, Wünschen, Ängsten und Glaubenssätzen achtsam begegnen dürfen. Ziele ihrer Arbeit sind: mehr Selbstverständnis zu entwickeln, ein authentisches Leben im Einklang mit sich selbst zu führen und neue Formen von Nähe und Verbindung zu ermöglichen.

Wissenschaftlich fundiert

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Psychologisch-medizinisch überprüft durch:

Verena Thier

Psychologische Psychotherapeutin

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