Online-Therapie: Behandlung durch den Bildschirm
Herzlich willkommen zu unserer Kolumne, schön, dass du da bist. Einmal im Monat widme ich mich hier verschiedenen Themen aus der Psychotherapiewelt und dem Praxisalltag. ✨
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Immer mehr Praxen setzen auf Online-Therapie. Manche freuen sich über die Innovation, andere sind skeptisch. Wir beleuchten, welche Herausforderungen und Chancen Online-Therapie mit sich bringt und ob der Aufbau einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung durch den Bildschirm überhaupt möglich ist.
Funktioniert die therapeutische Beziehung auch online?
Die therapeutische Beziehung gilt als einer der wichtigsten Wirkfaktoren der Psychotherapie (Flückiger et al., 2018). Vertrauen, Empathie und ein Gefühl von Verbundenheit entstehen im gemeinsamen Raum – so zumindest die klassische Vorstellung.
Doch spätestens seit der Covid-19-Pandemie hat sich der Praxisalltag vieler Therapeut:innen verändert. Videosprechstunden gehören für viele Praxen inzwischen zum Alltag. Auch Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zeigen, dass seit der Pandemie ein großer Teil der psychotherapeutischen Praxen Videosprechstunden nutzt.
Das wirft eine zentrale Frage auf: Kann eine therapeutische Beziehung auch durch einen Bildschirm entstehen?
Was die Forschung zur Online-Therapie sagt
Die gute Nachricht vorweg: Die Wirksamkeit videobasierter Psychotherapie ist inzwischen gut belegt. Es liegt eine Vielzahl an Forschungsarbeiten vor, die videobasierte Psychotherapie über verschiedene Settings und Zielgruppen hinweg untersuchen – von der Einzeltherapie bei Erwachsenen bis zur Paar- und Familientherapie (u. a. Thomas et al., 2021; Matsumoto et al., 2021; de Boer et al., 2021).
Eine große Metaanalyse von Fernandez et al. (2021), die 47 Vergleichsstudien mit insgesamt 3.564 Teilnehmer:innen auswertete, kommt zu einem klaren Ergebnis: Die Wirksamkeit von Videotherapie und Präsenztherapie ist nahezu identisch. Den größten Nutzen zeigte die Videotherapie bei kognitiver Verhaltenstherapie zur Behandlung von affektiven Störungen.
Differenzierter ist die Befundlage zur therapeutischen Allianz. Frühere Reviews, etwa Simpson & Reid (2014) und Norwood et al. (2018), kamen zu dem Schluss, dass die therapeutische Allianz im Videosetting insgesamt vergleichbar ist, in manchen Studien jedoch geringfügig schlechter bewertet wurde als in der Präsenztherapie. Eine aktuellere Metaanalyse von Seuling et al. (2024) fand hingegen keinen statistisch signifikanten Unterschied in der therapeutischen Allianz zwischen Video- und Präsenzpsychotherapie – weder aus Patient:innen- noch aus Therapeut:innenperspektive.
Die Befunde deuten damit darauf hin, dass der therapeutische Kontakt nicht zwingend an einen gemeinsamen physischen Raum gebunden ist.
Was online tatsächlich anders ist
Trotz dieser positiven Befunde unterscheidet sich die Arbeit im digitalen Raum in einigen Punkten vom klassischen Setting – und das sollte nicht unterschätzt werden.
Nonverbale Signale verändern sich. Ein Teil der Körpersprache ist im Videoformat weniger sichtbar. Gleichzeitig werden andere Signale (etwa Mimik oder Stimme) stärker wahrgenommen. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Universitätsklinikum Freiburg (Ahn et al., 2023) zeigt, dass die räumliche Trennung zu tiefgreifenden Veränderungen in der Kommunikation führt und das Setting von Therapeut:innen und Patient:innen als durchlässiger und weniger berechenbar erlebt wird.
Der Rahmen muss bewusster gestaltet werden. Technische Störungen oder Unterbrechungen können den therapeutischen Prozess beeinflussen. In einer Studie in Zusammenhang mit Online-Behandlungen während der Covid-19-Pandemie gaben Psychotherapeut:innen an, die größten Herausforderungen der Online-Therapie in technischen oder Internet-Problemen zu sehen sowie darin, dass Patient:innen einen angemessenen, ruhigen Raum zur Durchführung der Sitzungen benötigen und nicht abgelenkt werden (Békés & Aafjes-van Doorn, 2022). Eine klare Struktur und stabile Technik sind entsprechend essentiell für die erfolgreiche Durchführung von Online-Sitzungen.
Grenzen zwischen Alltag und Therapie verschwimmen. Therapie findet online häufig im selben Raum statt wie Arbeit, Familie und Partnerschaft oder Freizeitaktivitäten. Eine symbolische Trennung können zum Beispiel kleine Übergangsrituale vor oder nach der Sitzung schaffen.
Chancen digitaler Therapie
Neben diesen Herausforderungen eröffnet das Online-Setting auch neue Möglichkeiten.
Mehr Zugänglichkeit: Online-Angebote können Versorgungslücken verringern – insbesondere für Menschen in ländlichen Regionen oder mit eingeschränkter Mobilität (Andersson et al., 2019). Für manche Personengruppen, z. B. Menschen mit ausgeprägter Agoraphobie oder sozialphobischen Ängsten, kann die Online-Therapie ein niedrigschwelliger Start in eine ambulante Behandlung sein.
Flexibilität im Alltag: Therapietermine lassen sich häufig besser mit Beruf oder Familie vereinbaren. Während im face-to-face Setting Termine ausfallen müssen, können Online-Termine häufig einfacher in den Alltag integriert werden. Fahrzeiten entfallen, sodass die zeitliche Verfügbarkeit zusätzlich gesteigert wird.
Fazit: Die Beziehung bleibt – der Raum verändert sich
Die Frage, ob eine therapeutische Beziehung auch durch einen Bildschirm entstehen kann, lässt sich auf Basis der aktuellen Forschungslage klar beantworten: Ja – auch wenn sich das Wie verändert.
Online-Therapie ist der Präsenztherapie in ihrer Wirksamkeit ebenbürtig, und die therapeutische Allianz bleibt auch im digitalen Setting stabil. Gleichzeitig wäre es zu einfach, Online- und Präsenztherapie als vollständig austauschbar zu betrachten. Das digitale Setting bringt eigene Herausforderungen mit sich: veränderte Kommunikationsdynamiken, eine bewusstere Gestaltung des Rahmens und die Notwendigkeit, Grenzen zwischen Alltag und Therapie aktiv zu schaffen.
Was dabei nicht verloren geht, ist das Wesentliche: die Haltung der Therapeut:innen, die Bereitschaft der Patient:innen und die gemeinsame Arbeit am therapeutischen Prozess. Empathie und echtes Verstehen sind nicht ortsgebunden – sie entstehen durch Beziehung, nicht durch Räume.
Für die Praxis bedeutet das vor allem eines: Die Entscheidung für oder gegen ein Online-Setting sollte individuell getroffen werden: orientiert an den Bedürfnissen, Lebensumständen und Präferenzen der Patient:innen und den Möglichkeiten der Therapeut:innen. Für manche Menschen ist das Videosetting eine pragmatische Ergänzung; für andere kann es der entscheidende Schritt sein, therapeutische Unterstützung überhaupt erst zugänglich zu machen.
Ahn, J. S., et al. (2023). Qualität der therapeutischen Beziehung und nonverbale Interaktion in der videobasierten Psychotherapie: Systematisches Review. Die Psychotherapie, 68(1), 21–27.
Andersson, G., Carlbring, P., Titov, N., & Lindefors, N. (2019). Internet interventions for adults with anxiety and mood disorders: A narrative umbrella review of recent meta-analyses. Canadian Journal of Psychiatry.
Békés, V., & Aafjes-van Doorn, K. (2022). Psychotherapists’ attitudes toward online therapy during COVID-19. Psychotherapy Research.
Fernandez, E., et al. (2021). Live psychotherapy by video versus in-person: A meta-analysis of efficacy and its relationship to types and targets of treatment. Clinical Psychology & Psychotherapy, 28, 1535–1549.
Flückiger, C., Del Re, A., Wampold, B., & Horvath, A. (2018). The alliance in adult psychotherapy: A meta-analytic synthesis. Psychotherapy.
Norwood, C., Moghaddam, N., Malins, S., & Sabin-Farrell, R. (2018). Working alliance and outcome effectiveness in videoconferencing psychotherapy: A systematic review and noninferiority meta-analysis. Clinical Psychology & Psychotherapy.
Seuling, P. D., Fendel, J. C., Spille, L., Göritz, A. S., & Schmidt, S. (2024). Therapeutic alliance in videoconferencing psychotherapy compared to psychotherapy in person: A systematic review and meta-analysis. Clinical Psychology & Psychotherapy.
Simpson, S., & Reid, C. (2014). Therapeutic alliance in videoconferencing psychotherapy: A review. Australian Journal of Rural Health.
von Wirth, E., Willems, S., Döpfner, M., & Kohl, L. T. (2023). Effectiveness of videoconference-delivered psychotherapy for children, adolescents, and their parents: A meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Telemedicine and Telecare.
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