Wie starte ich mit Gruppentherapie? Ein Praxis-Guide
Gruppentherapie muss nicht kompliziert starten. Viele Unsicherheiten bei angehenden Gruppentherapeut:innen entstehen nicht, weil das Setting „schwieriger“ ist, sondern weil im Kopf zehn Fragen gleichzeitig laufen: Wer passt in die Gruppe? Wie strukturiere ich die erste Sitzung? Was, wenn jemand viel redet – oder niemand? Die gute Nachricht: Mit wenigen, gut gesetzten Entscheidungen zu Beginn entsteht schnell Sicherheit, sowohl für Sie als auch für die Teilnehmenden. Wir bündeln hier die wichtigsten Startpunkte, die sich in der Praxis bewährt haben.
Lesedauer: ca.
7
Minuten
.png)
Vor dem Start: Voraussetzungen und Rahmenbedinungen
Bevor Sie konzeptionell loslegen, lohnt sich ein schneller Realitätscheck der formalen Rahmenbedingungen: Für die Abrechnung von Gruppentherapie muss eine Abrechnungsgenehmigung für Gruppen vorliegen. Planen Sie außerdem die Gruppengröße passend zum Setting: Zulässig sind Gruppen von drei bis neun Patient:innen; bei gemeinsamer Leitung durch zwei Therapeut:innen ist eine Gruppengröße bis 14 Patient:innen möglich. Eine Therapieeinheit in der Gruppe umfasst in der Regel 100 Minuten (als Äquivalent zu 50 Minuten im Einzelsetting). Inhaltlich/abrechnungstechnisch können je nach Indikation und Behandlungsstand unterschiedliche Sitzungsarten relevant sein: gruppenpsychotherapeutische Grundversorgung, probatorische Sitzungen im Gruppensetting sowie Gruppentherapie als Richtlinientherapie (ggf. in Kombination mit Einzeltherapie). Wenn Sie die Gruppe als Videositzung durchführen, gilt eine wichtige Begrenzung: maximal acht Teilnehmende plus Gruppenleitung (Therapeut:in).
Wichtig: Bestimmungen können sich ändern. Informieren Sie sich daher vor dem Start Ihrer Gruppe über die aktuellen Regelungen der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung.
Welche Gruppe möchte ich anbieten?
Zu Beginn stellt sich die wichtigste Frage: Worum soll es in Ihrer Gruppe eigentlich gehen – und wie „offen“ darf das Thema sein? In der Praxis haben sich drei Grundtypen bewährt, die unterschiedliche Vorteile und Anforderungen mitbringen:
- Störungsspezifische Gruppen (z. B. Depression, Angst): Der gemeinsame Nenner ist ein ähnliches Beschwerdebild. Das erleichtert Identifikation („Ich bin nicht allein“), Psychoedukation und Übungsfokus.
- Methodenspezifische Gruppen (z. B. DBT-Skills, Achtsamkeit/MBCT, PMR): Hier ist das verbindende Element eine gemeinsame Methode, d. h. es wird beispielsweise in der Gruppe Progressive Muskelentspannung erlernt. Das ist oft sehr alltagstauglich, weil jede Sitzung einen klaren Übungs- und Transfercharakter hat. Gleichzeitig kann die Gruppe diagnostisch heterogener sein, solange die Ziele kompatibel bleiben.
- Offene Gruppen (themenoffen/prozessorientiert): Hier steht weniger ein klar umrissenes Störungsbild oder Manual im Vordergrund, sondern der therapeutische Prozess in der Gruppe (Beziehung, Austausch, Muster, Unterstützung). Das kann sehr hilfreich sein, braucht aber meist mehr Erfahrung in der Prozesssteuerung und einen stabilen Rahmen, damit die Gruppe nicht „zerfasert“.
Praxistipp: Wenn Sie neu starten, ist es häufig am leichtesten, mit einer störungsspezifischen oder methodenspezifischen Gruppe zu beginnen, weil Fokus, Struktur und Erwartungsmanagement klarer sind. Eine offene Gruppe kann später eine tolle Ergänzung sein, wenn Sie Rahmen und Prozessführung gut etabliert haben.
Format & Struktur: offen oder geschlossen?
Das Gruppenformat beeinflusst nicht nur die Planung, sondern auch die Dynamik und Ihre Rolle als Gruppenleitung.
- Geschlossene Gruppe (fester Start/Ende, gleiche Teilnehmende): starke Kohäsion, klare Entwicklung, gut planbar – dafür mehr Aufwand bei der initialen Zusammenstellung.
- Halboffen (Einstieg zu definierten Zeitpunkten): flexibel, aber mehr Koordinationsaufwand.
- Offen (laufender Einstieg): versorgungspraktisch attraktiv, braucht jedoch viel Struktur sowie klare On- und Offboarding-Rituale.
Für den Einstieg bewährt sich oft: eine geschlossene Gruppe mit klarer Sitzungszahl (z. B. 10–12 Termine).
Zusammensetzung der Gruppe
Gerade junge Psychotherapeut:innen empfinden die Zusammenstellung ihrer Gruppenbehandlung oft als Herausforderung. Mit den folgenden Tipps möchten wir Sie entlasten und ermutigen.
Gute Passung erkennen
Achten Sie weniger auf „Perfektion“ und mehr auf Gruppenfähigkeit. Hilfreiche Anzeichen:
- Bereitschaft, regelmäßig zu kommen
- Grundlegende Fähigkeit, anderen zuzuhören
- Motivation, etwas auszuprobieren (auch klein)
- Stabilität ausreichend, um in der Gruppe nicht dauerhaft „unterzugehen“
Typische Ausschluss-/Aufschubkriterien (situationsabhängig)
Nicht als Stigma, sondern als Schutz:
- akute Suizidalität ohne ausreichendes Sicherheitsnetz
- stark entgleisende Aggression/Gewaltgefährdung
- substanzbedingte Instabilität, die Gruppenrahmen sprengt
- so hohe Dissoziations-/Traumaaktivierung, dass Stabilisierung zuerst Priorität hat
Der Gruppenvertrag: Sicherheit schaffen, bevor es losgeht
Ein Gruppenvertrag ist nicht nur als Bürokratie, sondern auch als eine therapeutische Intervention zu sehen. Er macht den Raum vorhersehbar, schützt Grenzen und entlastet Sie als Leitung.
Absagen und Notfälle
Klären Sie früh und transparent:
- Wie wird abgesagt? (Fristen, Kanal, Konsequenzen)
- Welche Mindestanwesenheit braucht eine Sitzung? (In Deutschland gilt: Ab drei Patient:innen ist die Gruppe abrechnungsfähig – das sollte in Ihrer Planung mitgedacht werden.)
- Gibt es ein Ausfallhonorar? Dann klar kommunizieren.
- Wie läuft Krisenmanagement? (Notfallplan, Ansprechstellen, Vorgehen bei akuter Krise)
Regeln zum Miteinander
- Vertraulichkeit: „Alles bleibt in der Gruppe.“
- Respekt: Ich-Botschaften, keine Abwertungen.
- Feedback-Regel: Resonanz statt Ratschlag, außer es ist gewünscht.
- Pünktlichkeit: schützt den Prozess.
- Sprechzeit: Die Gruppe schafft Raum für alle.
- Krisenregel: klare Schritte, Notfallplan.
- Transfer: Übungen sind Einladung, kein Test.
- Konflikte: gehören dazu und werden bearbeitet.
Die erste Sitzung: Ein Ablauf, der Sicherheit gibt
Der erste Termin muss nicht „alles erklären“. Er sollte vor allem drei Dinge leisten: Ankommen, Orientierung geben und erste Verbindung ermöglichen.
Bewährter Ablauf (100 Minuten)
- Ankommen & kurzes Check-in (z. B. „ein Wort: wie sind Sie heute hier?“)
- Kennenlernen der Gruppe (z. B. drei Leitfragen, zeitlich begrenzt)
- Rahmen abstecken (Ziel, Ablauf, Organisation, Erwartungen)
- Gruppenvertrag / Gruppenregeln
- Erster inhaltlicher Einstieg
- Ausblick & Mini-Transfer (1 kleiner Schritt bis zum nächsten Mal)
- Abschlussrunde („Was nehme ich heute mit?“
Tipp: In unserem Gruppentherapie-Manual finden Sie einen gesamten Leitfaden für die Durchführung einer störungsspezifischen Gruppentherapie für Depressionspatient:innen.
Was tun, wenn…? Drei häufige Stolpersteine
„Eine Person redet sehr viel“
Würdigen + wertschätzend begrenzen + Gruppe aktivieren:
„Ich stoppe kurz, weil ich gern den Raum für alle halten möchte. Wer aus der Gruppe möchte darauf reagieren?“
In gut etablierten Gruppenbeziehungen kann die Weitschweifigkeit auch offen im Raum besprochen werden. Wichtig ist hier, Kränkungen gut vorzubeugen (bedingungslose Wertschätzung).
„Niemand sagt etwas“
Normalisieren + Mikro-Struktur anbieten:
„Stille ist am Anfang sehr normal. Wir machen eine kurze Runde: Jede:r sagt einen Satz – was war gerade im Kopf? Es ist auch völlig okay, wenn “Ich bin überfordert” gerade der einzige Gedanke war. Auch das ist für die Gruppe hilfreich“
„Es wird schnell sehr emotional“
Containern + Wahlmöglichkeiten geben:
„Ich sehe, das berührt gerade stark. Wir halten kurz an: Atmen, Füße am Boden. Möchten Sie weitersprechen oder erst eine kurze Pause machen und dann schauen wir gemeinsam, was jetzt guttut?“
Transfer: So bleibt die Gruppe alltagstauglich
Transfer gelingt, wenn er klein und konkret ist:
- 1%-Aufgaben: „Was ist ein Mini-Schritt, der wirklich realistisch ist?“
- Wenn–dann-Pläne: z. B. „Wenn ich 10 Minuten auf Social Media scrolle, dann mache ich direkt im Anschluss meine Übung in elona therapy.“
- Barrieren normalisieren: „Was macht es schwierig? Und was wäre ein fairer Umgang damit?“
Wichtig: Übungsausfälle sind als allererstes Daten (Hinweise auf Hürden, Motivation, Kontext) und nicht immer eine Disziplinfrage.
Zum Schluss: Der Rahmen ist die Intervention
Eine der großen Stärken von Gruppentherapie ist, dass sie Veränderung nicht nur bespricht, sondern in Beziehung erfahrbar macht. Und damit das gelingen kann, brauchen Gruppen etwas sehr Bodenständiges: verlässliche Struktur, Sicherheit und Prozessfokus. Wenn Sie die ersten Sitzungen klar rahmen, entsteht oft schnell das, was Gruppe so besonders macht: Zugehörigkeit, Mut, Resonanz – und Veränderung, die sich nicht allein anfühlt.
Wissenschaftlich fundiert
Alle Inhalte unseres Magazins basieren auf aktuellen wissenschaftlichen Kenntnissen. Unsere Artikel werden von Psycholog:innen geschrieben und vor der Veröffentlichung geprüft.
Alle allgemeinen Ratschläge, die in unserem Blog veröffentlicht werden, dienen nur zu Informations-zwecken und sind nicht dazu bestimmt, medizinische oder ärztliche Ratschläge zu ersetzen. Wenn Sie besondere Bedenken haben oder eine Situation eintritt, in der Sie medizinischen Rat benötigen, sollten Sie sich an einen entsprechend ausgebildeten und qualifizierten Arzt oder Ärztin wenden.

.png)
.png)
.png)